Donnerstag, 26. März 2015

Leningrad Cowboys


Das Hinterhaus in der Nazarethkirchstrasse 173 im Wedding war es. Dort wohnte er im obersten Geschoss. Tänzelnd überquerte Lena den Leopoldplatz. Sie genoss die erste Sonne des jungen Frühjahrs. Rolf den Altpunker, der die Bewirtung im Nachbarschaftszentrum organisierte, wollte sie bewegen, doch auch die Bewirtung zum Afrikafest zu übernehmen. Zwar hätte sie das auch im Zentrum klären können, aber sie wollte wissen, in welcher WG Rolf war. Ihre eigene war schon langweilig und im Frühjahr suchen die Vögel auch immer ein neues Nest. Und Rolf war bestimmt solo, so hart wie der mit ihr und anderen rummachte. Erstaunt musterte sie die Nazarethkirchstrasse 173. Es sah so frisch gestrichen aus. Und der Durchgang zum Hinterhaus war blank geputzt. Aber im Innenhof lagen einige Müllsäcke herum. Die Tür zum Hinterhaus war offen und so drückte sie die dritte Klingel von oben beim Betreten des Treppenhauses. Ihre Rastalocken wippten die ersten zwei Stockwerke. Dort verschnaufte sie kurz und setzte ihren Aufstieg deutlich langsamer fort. Oben grinste Rolf, als sie die letzten Stufen nahm. "Gratulation und die Schuhe bitte ausziehen", war ihre Begrüßung.

Sie stellte ihre zerschlissenen, gelben Turnschuhe in das Schuhregal auf dem Flur und folgte Rolf in die Küche. Er bot ihr einen Platz am Küchentisch an. Sie setzte sich und die beiden plauderten über das Fest und die Bewirtung. Dabei holte sie ein Beutelchen aus einer der Taschen ihrer viel zu großen Strickjacke. "Ich bau mal einen Joint" verkündete sie. Rolf öffnete die Tür zum Balkon und meinte: "Lieber an der Luft rauchen". "cool" meinte sie, als sie die Aussicht auf die Dächer Weddings genoss. Mit ihrer linken Hand hielt sie sich am Geländer fest, in der anderen hatte sie ihre Tüte. Hinter ihr stand Rolf. Sie nahm zwei Züge, gab ihm den Joint und lehnte sich nach hinten. Er nahm einen Zug und meinte: "Punker kuscheln nicht!" Ihre linke Hand ergriff seine linke Hand und führte sie in ihre Pluderhose, an die Stelle, die ihr immer so gut tat. Wie praktisch, der Gummizug, dachte sie sich. Seine Hand war gross und weich und er wusste sie, wie immer, richtig einzusetzen. So rauchten die beiden den Joint, sie nahm zwei, drei Züge, er nahm einen. Sie wurde mit jedem Zug ein wenig leichter. Die lustigen Wolken am blauen Himmel, die roten Dächer, welch ein glücklicher Tag das war. Er nahm den letzten Zug und drückte den Joint in einem Aschenbecher aus. "Besorg's mir von hinten" schlug sie vor, aber er meinte nur: "Besser wir gehen rein".

Mürrisch folgte sie ihm zurück in die Küche. "Du auf dem Tisch, dazu Punk Rock aus Finnland. Das wird geil" schlug er vor. Der Punk Rock war gar nicht bumm, bumm, bumm, sondern eher buuum, buuum, buuum. Mit jedem buuum fuhr Rolf in sie ein. Ihr kam der finnische Gesang melodisch vor, sie glaubte sogar, sie könnte finnisch. Alles war gut. Ihr Blick fiel auf die Rolle mit den Haushaltstüchern. Diese stand, aufgespiesst auf einer Holzstange mit Zwiebelkopf, auf der Anrichte. Sie musste grinsen. Die Stange der Rolle fuhr nicht rein und raus! Die arme Rolle! Mit dem letzten Ton des Stücks riss Rolf die Arme hoch, warf sein Becken nach vorne und den Kopf zurück. Ein "Ja" entfuhr seinem Mund und in ihren Unterleib fuhr ein warmes, ihr vollkommen unbekanntes Gefühl. Sie schloss die Augen, wollte dieses Gefühl festhalten und es zog sie unten mehrfach zusammen, so dass es sie fast zerriss. Er riss von der Rolle zwei Blatt ab, sagte: "Entspann dich mal", schaute sie grinsend an, trennte dann die zwei Blätter, zog sein Teil heraus, legte es in das Blatt, das er in der rechten Hand hielt, gab ihr das Blatt in seiner linken und wies sie an: "Wisch das mal ab". Mit ihrer rechten Hand hielt sie das Blatt zwischen ihren immer noch geöffneten Beinen. Sie war glücklich und er erklärte: "War doch gut, ohne Kondom ist einfach viel mehr Gefühl dabei", während er sich die Hose hochzog. Als er den Gürtel schloss, meinte er: "Keine Sorge, ich bin sterilisiert. Und war letzte Woche beim Gesundheitsamt. Ich mach das nur mit sauberen Mädchen." Sie setzte sich auf, säuberte sich und fühlte sich einfach nur wohl. "Ich habe Dich nun in mir" himmelte sie ihn an. Sie kicherte und wollte ihn umarmen. Er machte einen Schritt zurück: "Was hast Du nur geraucht? So kann ich Dich ja gar nicht...." dann schaute er auf die Küchenuhr und schlug vor: "Schauen wir ein Video bis Du wieder unten bist. Die Leningrad Cowboys in Amerika." Zwei Flaschen nahm er aus dem Kühlschrank, eine Tüte Chips aus einer Schublade unter der Anrichte und sie am Oberarm. So bugsierte er sie in das Wohnzimmer.

Die beiden sassen auf einem grauen Sofa vor dem Flachbildschirm und schauten zu, wie eine Gruppe Rocker aus der finnischen Seenplatte versuchte den Markt in Amerika zu erobern. Lena knabberte glücklich an den Chips, trank ihre Cola und genoss ihr Gefühl im Unterleib. Langsam kam sie herunter, aber das Gefühl blieb immer noch wunderbar. Als die Cowboys in Las Vegas ankamen, schaute sie Rolf an. Was hatte er nur mit ihr gemacht? dachte sie. Sie versuchte seine Stoppeln zu streicheln, aber er zog seinen Kopf weg. "Nicht kuscheln" sagte er barsch. Auf ihren Schmollmund antwortete er mit einem Blick auf seine Hose und: "Kannst ja blasen, aber schlucken, damit es keinen Fleck auf dem Sofa gibt." Sie zog ihre Beine hoch und umarmte ihre Knie. Wie konnte er nur? dachte sie und wollte gehen. Aber dann schaute sie ihn wieder an. Er wippte mit dem Kopf zur Musik und dann öffnete sie seine Hose. Als die Cowboys in Mexiko ankamen, wischte er ihr den Mund mit einer Serviette ab und schimpfte: "Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen." Er stand auf, schloss seine Hose und wies sie an zu gehen. "Die kleinen sollen dich hier nicht sehen."

Vor der Wohnungstür zog sie langsam ihre gelben, dreckigen Schuhe an. Nächsten Mittwoch Nachmittag könne sie ja wieder kommen, hatte er noch gesagt. Beim ersten Knoten war sie traurig, aber beim zweiten Knoten, freute sie sich auf den nächsten Mittwoch. Es würde schon noch werden, sagte sie sich. Sie hörte unten junge Stimmen die Treppe herauf kommen. Eine sagte etwas von einem Donald reiten. Richtig! Nächsten Mittwoch würde sie Rolf reiten, dann würde er schon sehen. Am Ende der dritten Treppe kamen ihr zwei Mädchen mit Reitstiefeln und -helmen entgegen. Sie grüssten sie. Unten schaute sie sich das Schild neben der dritten Klingel von oben an. "Grosse + Schäfer" stand darauf. Er war Schäfer, aber wer könnte Grosse sein, fragte sie sich. Sie ging über den Innenhof zum Vorderhaus. Ganz vorne an der Strasse bemerkte sie ein Firmenschild. "Die 3 Anwälte" stand da drauf, an zweiter Stelle stand "Veronika Grosse - Frauen, Wohnen, Asyl".

Lena ging langsam über den Leopoldplatz zu ihrer WG zurück.