Freitag, 20. März 2015

Der frühe Vogel

Da stand sie nun mit ihrem feinen, kurzen, schwarzen Cocktailkleidchen in mitten der vielen Leute. Sie nippte ein wenig an dem Champagner und suchte ein bekanntes Gesicht. Kurz winkte sie Sylvia zu, die die Idee zu diesem Besuch hatte. Sie wollte schon zu ihr hingehen, deutete aber Sylvias Gesichtsausdruck als Frage, was das denn sollte. Es ging ja nicht darum gemeinsam hier zu sein, sondern eben getrennt. So könnte jede versuchen, hier den richtigen Mann zu treffen. Zu zweit würden sie sich nur stören. Tatsächlich waren neben Paaren auch Männer ohne offensichtlich weiblicher Begleitung bei dieser Vernissage der ersten Ausstellung in der renovierten Fabrikhalle der Roth AG. Absolventen der Kunsthochschule stellten ihre Werke aus. In kleinen Nischen hatten sie ihre Exponate angeordnet. Durch die geschickte Beleuchtung wirkten diese gerade auch durch den Kontrast mit den unverputzten Backsteinwänden. Hier sollten sich neben wirklich an Kunst interessierten Besucher vor allem Familienangehörige der Absolventen anzutreffen sein. Und das wären dann eben Kreise, die ihrem Nachwuchs ein Kunststudium finanzieren. Falls hier der "Richtige" wäre, hätte er bestimmt auch das richtige Elternhaus. Sie wusste nicht so genau, ob sie die richtige für so etwas wäre, aber angefangen ist angefangen! Nachdem sie sich zunächst verloren vorkam, entdeckte sie in einer Nische mit großformatigen eher abstrakten Bildern vier gut gekleidete Männer im richtigen Alter. Neugierig ging sie hinüber.



Die Männer schienen sich gar nicht für die Bilder zu interessieren. Ihre Gespräche drehten sich um Sport, Studium und den nächsten Urlaub. Der Wortführer hatte seine Baseballmütze keck mit dem Schirm nach hinten auf. Er schien mit jedem seiner drei Kumpels gleichzeitig zu reden. Mal legte er einem die Hand auf die Schulter und fragte ihn etwas. Die Antwort wartete er kaum ab, vielmehr unterbrach den Antwortenden, machte einen Witz und fragte einen, der gar nicht zugehört hatte. Ihr fielen Gruppen von Primaten ein, die sich ähnlich verhielten. Mit jedem ich-erklär-dir-was oder auch jetzt-sag-mir-mal vergewisserte sich das Alphatier seiner Überlegenheit. Warum müssen Männer immer Hierarchien ausbilden? Sie widmete sich lieber den Bildern, die jedenfalls hatten etwas. Vollkommen abstrakt hatte der Künstler spannende und auch gefühlvolle Formationen zu Leinwand gebracht. Ihr Interesse an den Bildern steckte die Männer an und so hörte sie etwas von Spermien, gefolgt von einem angeregten Gespräch über das, was den Künstler bewegt haben könnte so malen. Sie machte ein paar Schritte zurück und betrachtete das Bild noch einmal. Tatsächlich, das, was sie als fliegende Schirmchen gesehen hatte, konnte auch als Spermien gesehen werden. Sie musste lächeln und schaute sich um. Hinten bemerkte sie Sylvia, die langsam näher kam. Gerade als sie sich fragte,was das denn soll, sie hatten doch ausgemacht, jede für sich. Da sah sie den Mann. Es war nicht seine Statur und auch nicht die Tatsache, dass er vermutlich den teuersten Anzug im Raum trug, sondern die Unabhängigkeit, die sein Auftritt ausstrahlte. Sie lächelte, so ein Mann, der ohne Anhang einfach präsent ist, das war genau ihr Typ! Ihr Lächeln musste Sylvia bemerkt haben. Auch ihre Freundin drehte sich nach dem Mann um und sie stellte fest, dass sie wohl eine Konkurrentin hatte.

Sylvia war einfach näher und ihr blieb nichts weiter übrig als zu zusehen, wie sich die Wege vom eventuellen Traummann mit ihrer Exfreundin kreuzen würden. Sie presste ihre Lippen zusammen und beobachtete erstaunt, wie sich auf dem Gesicht des Mannes eine Art Ekel zu zeigen begann. Er holte tief Luft und ging schnell an Sylvia vorbei in die Mitte der Halle. Sie schnaufe kurz. Kannten sich die beiden? Sylvias Gesichtsausdruck verriet keinerlei Enttäuschung oder Kränkung eher Verwunderung über den Eindruck, den dieser ungelenke Mann auf ihre Freundin gemacht hatte. Erfreut atmete sie durch die Nase ein und aus. Entschlossen leerte sie ihr Glas, stellte es auf einen der Stehtische und machte sich auf der Suche nach einem zufälligen Zusammentreffen mit diesem Mann.

An einer Nische, in der großformatige Schwarz-Weiß Fotos von menschenleeren Gebäuden ausgestellt waren, sah sie ihn. Sie bremste ihre Schritte in seine Richtung und überlegte sich, wie sie es anstellen könnte ihn nicht zu verschrecken. Vielleicht steht er ja gar nicht auf Frauen? Oder er hat sonst ein Problem mit Menschen? Die Bilder! Ihre Aufmerksamkeit sollte in erster Linie den Bildern gelten, die dort ausgestellt waren. Der Mann sollte nur zufällig getroffen werden! In ihr Gesicht schlich sich ein Lächeln bei dem Gedanken an das Motto "nichts muss, alles kann". Wir sind bei einer Vernissage, sagte sie sich. Als sie näher kam, sah sie, dass es keine Fotographien, sondern eher realistische, riesengroße Zeichnungen. War das möglich? Sie beugte sich vor und konnte tatsächlich die einzelnen Striche sehen, die der Künstler nebeneinander gesetzt hatte. Strich für Strich hatte er die Eingänge von Kirchen und die Passagen von Markthallen gezeichnet. Sie nickte bewundernd. Zu ihrer Seite hörte sie Zustimmung. Ja, so etwas sei wirklich aussergewöhnlich. Er konnte also reden und hatte eine angenehme Stimme. Sie beherrschte sich nicht sofort zu schmelzen. Stattdessen führten sie ein Gespräch über diese riesigen Bilder. Ganz realistische Grossaufnahmen von Stadtarchitektur. Wer so etwas mit Kamera machen will, braucht ganz spezielles Licht. Da zeigte sich was ein Maler eigentlich kann. Und die Wirkung, so seltsam streng und doch so interessant. Das Gespräch nahm seinen Lauf, er lachte und sie lachte. Bis es schliesslich eine vollkommen unerwartete Wendung nahm.

Es war nachdem alle Witze gemacht waren und es eine kleine Pause gab. Sie wartete auf einen Vorschlag wie es weiter gehen würde. Und er schlug dann vor: "Wir könnten jede Menge Zeit sparen und das einfach weglassen. Das mit dem noch einen Cocktail in dieser Bar und ein Tänzchen in jenem Club. Warum nicht direkt zu mir? Dann könnten wir morgen auch früh raus."
Sie wusste nicht direkt was sie dazu sagen sollte. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen und sie holte tief Luft. Ihre rechte Hand fuhr nach hinten und sie wollte ihn Ohrfeigen. Und sie wollte ihm sagen, was er sich denn einbilde, ob er meint, sich für seine Kohle alles kaufen zu können. Sie wollte ihm sagen, dass sie nicht so eine wäre, die mit jedem mitgänge. Und dass sie ihren Stolz hätte. Ja, dass wollte sie!