Freitag, 20. Februar 2015

Naturblond

An jenem Mittwoch hatte er wieder Glück! Zum einen ließ ihn die Bekannte, die ihn am U-Bahnsteig grüßte, alleine fahren, zum anderen sah er bein Einsteigen schon einen freien Sitzplatz. Geschwind nahm er Platz, stellte seine Beine brav nebeneinander und legte seine abgegriffene und ausgebeulte Ledertasche auf den Schoss. Er öffnete die Tasche und holte mit einem Griff den "märkischen Anzeiger" daraus. Zunächst sichtete er die unterschiedlichen, ortsbezogenen Teile. Der Teil mit einem Artikel zu einem Bio-Bauern fand sein Interesse. Nach dem Lesen der Einführung kam ein Studium des Bildes mit einem Bauern neben einem Traktor. Jeden Abschnitt des Artikels schaute er sich kurz an, bevor er mit der Glosse am Rand der Seite fortfuhr. Er atmete hörbar durch die Nase aus und presste die Lippen zusammen, als er diesen Teil zusammen faltete. Sein Blick fiel auf die wartenden Mitreisenden, dann nahm er die Sportseiten des gleichen Bezirks. Die Hallenhandballreportage hatte es ihm angetan, als die Kleine einstieg. Sie fiel ihm zunächst gar nicht auf.


Sie tappte in den Waggon und hielt sich mit beiden Händen an der Stange in der Mitte fest. Ihre hellblauen Augen strahlten in die Runde als sie sich umblickte und ein freundliches Gesicht suchte. Sobald sie eines erblickte, gluckerte sie, dass ihr Schnuller fast aus den Zähnen fiel. Dann schaute sie hinunter, noch einmal in das Gesicht und schließlich lief sie schnell zu der Frau, die mit ihr eingestiegen war. Diese hatte ihm schräg gegenüber Platz genommen und umarmte die Kleine. "Willst Du auf meinen Schoss, Lena?" fragte sie zwar, wartete aber nicht auf Antwort, sondern hob das Kind sofort auf ihren Schoss. Das kleine Mädchen kuschelte sich an der Frau und beruhigte sich. "Wir gehen doch nur zur Krippe. Freust Du dich schon?", fragte diese. Lena erzählte etwas durch ihren Schnuller, zog diesen aber bald, krähte ein "Oma!" und stopfte ihn dann wieder zurück. "Die Oma bringt dich zur Krippe. Da ist es doch toll, so wie immer!". Lena schien dem zuzustimmen, jedenfalls kuschelte sie friedlich weiter.

Er schaute weder die Kleine, noch ihre Großmutter irgendwie an. Statt dessen konzentrierte er sich noch ein wenig mehr auf seine Zeitung. Die Lippen zusammengekniffen und die Backen leicht gerötet konzentrierte er sich auf den Bericht über den Abstiegskampf dieser Handballtruppe aus der Provinz. Es war ja angebracht vor der Abteilungsleiterkonferenz am Vormittag noch einmal zu lesen, was eventuell Thema des Smalltalks beim Besuch der Kantine werden könnte. Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, immer gut informiert zu Konferenzen zu erscheinen. Wenn es ihm bei dieser noch gelänge den Chef entsprechend zu umgarnen, könnte er vielleicht eine bessere Chance haben bei der Besetzung des Postens berücksichtigt zu werden! 

Lena wurde nach kurzer Zeit wieder munter und erzählte etwas durch den Schnuller. "Ich verstehe dich mit dem Schnulli nicht" lachte ihre Oma und nahm ihn aus dem Mund. "In Krippe malen mit Buntsiffe" war die Neuigkeit. "Ach, in der Krippe malt ihr Buntstiften! Was malt ihr den so mit Buntstiften?" fragte die Oma. Dabei betonte sie das t bei den stiften und das der vor der Krippe. Wenigstens sie wollte auf die richtige Aussprache ihrer Enkelin achten. "Tiere" war dann das Stichwort, das zu der Frage "Welche Tiere kennst Du denn so?" führte.

An dieser Stelle klappte er seine Zeitung zusammen und schaute die beiden strafend an. Jedenfalls wollte er das. So richtig böse konnte er gar nicht mehr schauen, nachdem sich seine Augen mit den hellblauen Augen Lenas trafen. Wie aufgeweckt sie doch sind? Und so groß in dem runden Gesicht? waren seine Gedanken. Er wollte eigentlich die Augenbrauen zusammenziehen und 'doofes Gör sei doch still' denken. Aber es ging einfach nicht. Ein Lächeln zauberte sich auf seine Lippen und Lena grinste zurück. "amel" sagte sie in seine Richtung, das er lachen musste. Er schaute zu ihrer Oma und dort erwarteten ihn keine grauen Haare und auch kein faltiges, runzliges Gesicht, sondern eine Frau, die bestimmt nicht älter war als er selber. Mann, sie könnte auch ihre Mutter sein, war sein Gedanke. Ihre Haare waren nicht ganz so hellblond, wie die von Lenas Locken. Diese waren grell blond. Aber sie waren jedem Fall naturblond und nicht gefärbt. Seine Lebensgefährtin wollte ihre blonden Haare möglichst lange verteidigen und probierte deswegen die unterschiedlichsten Sachen aus. Er kannte sich mittlerweile mit den Resultaten aller Möglichkeiten Haare zu färben aus. Es gab immer etwas, das den Einsatz von Hilfsmitteln verriet. Aber diese Haaren waren naturblond oder es gäbe noch eine, ihm unbekannte, Möglichkeit Haare so zu färben, dass er nichts bemerkt. Wenig später fanden sich seine Augen in ihren wieder. Seine Mundwinkel hoben sich, als er sich dort verlor. Diese Augen waren genau so lebendig, wie die ihrer Enkelin. Das Schwarze in ihnen war vielleicht ein wenig grösser. Warum hörte er sich fragen: "Kennen wir uns nicht?"? Das war plump! Und warum wollte er eine Oma anmachen? Wenn, dann sollte es doch etwas jüngeres sein. Wie komisch es sich vorkam, als sie erstaunt schaute, die Augenbrauen hochzog und dann antwortete "Glaube ich nicht, es sei denn Sie kämen auch aus Eltville?"
Wie weiter wusste er nun nicht und ihm fiel nur "Ach, ich dachte nur ... " ein. Zum Glück wanderte sein Blick zur Enkelin und dann kam "Sind Sie zur Aushilfe hier?". Das hätte er eigentlich als erstes fragen sollen!
"Meine Tochter hat heute Klausur und der Vater ist auf Geschäftsreise. Da muss die Oma doch einspringen" war die Erklärung, die sofort in eine Verabschiedung überging, weil die Enkelin schon aussteigen musste, wenn sie ihre Krippe erreichen wollte.

Als er den beiden hinterher schaute, blieb sein Blick an den Stiefeln der Oma hängen. Sie trug zu den grauen Stiefeln modische Stulpensocken. Genau solche hatte auch seine Lisbeth! Als sie gekauft hatte, hatte sie gesagt, sie dafür noch jung genug. Vielleicht sollte er  ihrem Kinderwunsch doch nachgeben. Warum eigentlich nicht? Vielleicht halten Kinder ja jung. Er brauchte nur noch die nächsten Monate geschickt intrigieren, dann würde er den Posten schon bekommen. Und dann, ja dann, wäre ausser einem Kind nichts mehr groß zu machen.