Freitag, 6. Februar 2015

Die Mandarinenente

"Hey Moni, was hast Du denn dabei?", fragte sie direkt.
"Das hier? Schick, nicht wahr" Die Angesprochene hob ihre nagelneue Handtasche hoch. Sie nahm mit einem "Ich darf doch mal .." ihrer Freundin die Tasche ab. "Da bist Du aber stolz drauf" kommentierte sie, während sie mit ihrer Hand über das Leder fühlte. Das Schwarze ihrer Augen wurde dabei ein wenig grösser, aber ihre Mundwinkel gingen schnell nach unten und sie sagte "Für mich wäre das ja nichts, ich bleibe lieber bei meiner. Die ist klein und doch passt alles hinen". Sie hielt ihre rötliche Henkeltasche dagegen. "Was hast Du dafür gemacht, war doch bestimmt sauteuer?" fragte sie. Moni erwiderte nur "Gar nichts, wirklich, ist mir zugeflogen" Sie wurde nicht einmal rot dabei.


Am nächsten Tag streifte sie durch das Kaufhaus am Hauptmarkt. Es war ein ehrwürdiges Kaufhaus der eher alten Schule, in dem Kleidung für die ganze Familie angeboten wurden. Normalerweise besuchte sie dort nur das Erdgeschoss auf der Suche nach Angeboten. Aber an diesem Tag nahm sie die Rolltreppen zur Damenabteilung im dritten Stock. Zielstrebig steuerte sie die Ecke mit den Handtaschen an. Tatsächlich fand sie eine, die der von Moni recht ähnlich sah. Sie schaute sich das Etikett an und ihre Lippen spitzen sich, als sie ausatmete. Dann sah sie eine Handtasche, die so ähnlich war, wie ihre eigene. Sie hängte sich diese über die Schulter und betrachtete sich im Spiegel. Wie sie wohl aussah? Sie verglich ihr Bild malal mit ihrer alten, mal mit der neuen. Die neue wäre ein klein wenig kleiner. Vielleicht hat sie ja innen trotzdem genug Platz für ihre Sachen. Würde es wirklich reichen für das Klapphandy, die Schlüssel und ihre Brieftasche? Schnell probierte sie es aus. In einem kleinen Fach fand sich sogar Platz für Kondome und Tampons, die sie immer dabei hatte. Sie betrachtete sich noch einmal im Spiegel und bemerkte die Etiketten, die am Reißverschluss hingen. Ihre Hand griff nach diesen, ihre Augen lasen "Mandarina Duck" und 299,€. Kurz hielt sie inne und presste die Lippen zusammen, dann stopfte sie die Etiketten in die Tasche und schloss den Reißverschluss nicht ganz. Noch ein kurzer Blick in Spiegel, bevor sie ihre alte Tasche zu den ausgestellten Taschen legte.

Sie ging mit der neuen Tasche in der Damenabteilung ein wenig spazieren. Dabei beobachtete sie sich in den Spiegeln. Ein klein wenig streckte sie ihre Brust heraus und ihr Schritt wurde gerader. Die Tasche brauchte noch ein klein wenig mehr an Kleidung. Cargohose oder Rock? Ein gelbes Top zu ihren schwarzen Haaren und der rötlichen Tasche? Sie suchte sich ein paar Teile zusammen, die sie mit in die Anprobe nahm. Dort beschäftigte sie eine Verkäuferin ähnlich passende Teile zu holen. Eine ganze Weile betrachtete sie sich dem großen Spiegel mit den unterschiedlichsten Aufzügen. Wie sich ihr Typ doch verändern konnte. Die Verkäuferin pflichtete ihr bei. Schliesslich bedankte sie sich für die Umstände, bat um Zeit es sich doch genauer zu überlegen, was sie eigentlich genau wollte und zog wieder ihre alten Sachen an. An den Taschen ging sie wieder vorbei und betrachtete kurz ihre alte Tasche zwischen den neuen.

Sie schaute sich um und ging dann hinunter in den zweiten Stock, zur Herrenabteilung. Allerdings nahm sie nicht die Rolltreppe in der Mitte des Geschosses, sondern die denkmalgeschützte Wendeltreppe an der Frontseite des Gebäudes. Zunächst ging sie langsam zu dieser Treppe, dann aber, als hätte sie einen Entschluss gefasst, flott hinunter. Bei den Herren schaute sie sich zunächst um und schlenderte ziellos zwischen den Kleiderständern. Ihr Blick fiel auf einen Mann, der in der Anzugabteilung etwas suchte. Sie sah ihn zunächst im Spiegel. Er war viel älter als sie, er hätte ihr jugendlicher Vater sein können. Langsam begab sie sich in seine Nähe und beobachtete, wie er sich den Hosen widmete. Ihr Blick fiel auf eine Frau, die den Mann kannte und von diesem begrüsst wurde. Zögerlich ging sie weiter, bis zur Treppe. Dort betrachtete sie die Fußgängerzone vor dem Geschäft. Plötzlich stutzte sie, lächelte und lief dann nicht nach oben, sondern hinunter ins Erdgeschoss.

Die Treppe wendelte sich von oben nach unten in einem Glaszylinder an der Frontseite des Kaufhauses. Mit der linken Hand hielt sie sich am Geländer an der Säule in der Mitte fest, ihre Schritte machten keine Geräusche auf den Stufen, da sie ja in Turnschuhen unterwegs war. Unten angekommen ging sie rasch an den Kassen vorbei zur Eingangstür. Sie nahm sich im Laufen die Tasche von der Schulter und blieb kurz vor der Schaufensterpuppe im Eingangsbereich stehen. Dann hängte sie dieser die Tasche über die Schulter und lief hinaus auf die Strasse.

Herr Schirrmacher, der Kaufhausdetektiv, hatte sie schon eine ganze Weile beobachtet. Eine junge Frau, die sich teure Handtaschen umhängt und dann einfach durch das Haus spaziert, ist immer verdächtig. Das wäre aber noch kein Grund einzuschreiten, es hätte ja auch eine unbescholtene Kundin sein können. Als sie sich die Etiketten anschaute und in die Tasche steckte, wäre er fast eingeschritten, aber sie hatte sie ja nicht entfernt, damit war es kein Betrugsversuch. Und so folgte er ihr zur Anprobe, bei der sie auch nichts verbotenens machte. Die Tasche stand auf dem Boden und sie machte sich daran gar nicht zu schaffen. Sie hängte sie sich nur immer wieder um. Er wollte schon aufhören sie zu observieren, als er sie auf der Treppe verschwinden sah. Bei den Herren sah es so aus, als würde sie einen Freund haben. Um so mehr erschrak er dann über ihren Sprint zum Eingang. Und nun sollten sich in der Tasche ihre Sachen befinden. Versuchter Diebstahl würde ja auch auf seine Prämie auswirken. Vergnügt nahm er die Tasche an sich.

"Halt die brauche ich noch" hörte er zu seiner Überraschung. An der Tasche wurde von eben dieser Diebin gezogen. "Genau solch eine Tasche musst Du mir schenken, die ist so was von richtig. Alles passt hinein und zu den Klamotten vom Papa passt die auch" sprach diese zu ihrer Begleitung.