Freitag, 13. Februar 2015

Der Spieler

Welch schmale Hände er doch hat! Das war ihr zweiter, nein ihr dritter Gedanke, der sie überkam, als sie den Mann schräg gegenüber beobachtete. Der erste war die Verblüffung, dass er sie überhaupt nicht wahrzunehmen schien. Hätte sie vielleicht doch mehr Parfüm auftragen sollen? Der zweite war ihr Unbehagen betreffs der Smartphones generell, die doch die Menschen im allgemeinen vereinzeln. Dann erst, als ihr Blick auf den Punkt seines Interesses fiel, bemerkte sie die feinen Hände, mit denen er das Teil bediente. Wie flink die Daumen auf dem Display tanzten, wie zärtlich es gestreichelt wurde. Ihre Mund wurde ein klein wenig breiter, als ihre Augen wieder nach oben zu seinem Gesicht wanderten. Wie jung er doch aussah! Vielleicht war das ja genau der richtige Mann für sie. Ein Mann zum Nest bauen. Zum zusammenbleiben. Ordentlich genug sah er ja aus, seine Schuhe waren geputzt, die Kleidung sauber und ordentlich. Und diese Hände!


Auf! Das Level wollte er noch schaffen! Es war ein saudoofes Ballerspiel, das er seit neuestem auf dem Weg zum Büro spielte. Nichts strategisches, sondern etwas für die Flucht aus der Alltagswelt. Eine Spielfigur muss ein kleines Paket aus einem Auto laden, über einen Parkplatz bringen, dann über ein paar Autobahnen tragen, einen Kanal überqueren und dann, ja das wusste er noch nicht. Vor dem Kanal kam diese Schnalle dazu, aber er wartete nur, bis der Baustamm den Kanal herunterkam, dann linker Daumen nach unten und mit dem rechten dann nach oben schnippen. Geklappt! Jetzt ist er auf dem Baustamm und nun galt es den Kleinen nur nicht abtreiben zu lassen. Nach rechts, bis der nächste Baumstamm kommt. Wieder linker Daumen, rechter Daumen auf den nächsten Baumstamm. Das ganze fünfmal, dann war er über den Kanal. Kurz atmete er aus und lies seine Figur einfach in die Szene laufen. Normalerweise sollte nun ein Postfach zu sehen sein. Er zog seine Augenbrauen zusammen, Wie soll er denn dahin kommen? Ok ein wenig probieren und aus, zurück zum Start. Luft holen, nach oben schauen und weiter.

"Und gestern noch zum Schuss gekommen?" begann hinter ihr ein Gespräch unter Männern. Sie verdrehte kurz die Augen und lächelte den spielenden Mann gegenüber an. Dieser hörte anscheinend gar nicht zu, jedenfalls schaute er unverwandt auf sein Gerät und spielte weiter.
"Klar doch. Das ist ja heutzutage überhaupt keine Frage mehr. Einfach immer nach rechts wischen und schon schlagen die Schnecken auf. Ein bisschen tippen und verabreden. Gestern war irre, ich brauchte noch nicht einmal einen ausgeben, sie ist sofort mit zu mir gekommen" erzählte der Gefragte. Sie zog die Augenbrauen kurz zusammen, bevor sie sich an den Bericht über die Dating Apps erinnerte. Sollte sie das auch einmal ausprobieren? fragte sie sich kurz. So Sex ganz anonym ohne Verpflichtung und nur so zum Spaß? Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Die Zeiten waren vorbei.
"Und ist sie noch einmal gekommen?" wurde ungeniert nachgefragt. Sie unterdrückte ein Lachen, was denen einfiel. 
"Heh?" hörbares Erstaunen, gefolgt von einem lauten Gelächter "Der ist gut, sie ist zweimal gekommen. Den muss ich mir merken." Während sie belustigt den Kopf schüttelte, blickte der Spieler ganz kurz mit zusammengepressten Lippen auf. Er hatte wohl doch mitgehört, es war ja auch kaum zu überhören. Interessiert schaute sie ihn an. Aber es war wohl nur der Lärm, jedenfalls zeigte seine Gesichtsfarbe keinen Hinweis, dass ihn der Inhalt des Gesprächs irgendwie berührt hätte. Bei einem Schwanzvergleich waren Männer eigentlich immer dabei, dachte sie sich. Endlich einer, der darüber stand.

Wie könnte sie nun Kontakt mit ihm aufnehmen? grübelte sie. Zu sagen "heh, Du gefällst mir, hör doch auf mit dem Ding da zu spielen" würde ja gar nicht gehen. Sie wollte ihn ja nicht überfahren. Das ginge gar nicht. Auf ihrer Stirn faltete sich die Haut. Sie setzte sich gerader hin und versuchte auf dem Display seines Smartphones zu erkennen, was er eigentlich genau spielte. Es ging wohl um die kleine Figur, die dort herumhüpfte. Deswegen musste er sich so richtig konzentrieren. Sie konnte solche Spiele gar nicht. Sie hatte es mal probiert, aber das machte sie immer ganz nervös. Er machte das ganz lässig, fast schon meditativ. Jetzt noch über die Baumstämme! Ja gut. Wenn er das Level schafft, würde sie ihm zu lächeln und ihn beglückwünschen. So würde sie das machen, ihm zeigen, dass sie sein Hobby mochte. Ganz aufrecht sass sie nun da und er schaffte tatsächlich das Level! Puh. Er blickte strahlend auf. Seine Augen trafen sich mit ihren Augen. "Gratuliere" hörte sie sich sagen. Er ignorierte sie, lies seine Augen wieder auf das Display fallen, die U-Bahn hielt an. Welche Station war das eigentlich? Sie blickte nach draußen, sah Elvira ihre Kollegin. "Jetzt verpass ich noch die Haltestelle" kicherte sie, sprang auf und verließ den Wagen durch die sich schließende Tür.

Nachdem sie gegangen war, schüttelte der Spieler seinen Kopf. Was war das für eine gewesen? Egal. Er wollte nur noch das nächste Level noch kurz anfangen. Trotzdem war er mit seinen Gedanken nicht so richtig bei dem Spiel, sondern eher bei einem Thema, das weit ab von seiner Lebensführung lag. Frauen und Sex. Warum sollte er sich das noch antun, fragte er sich. Damals, ja damals hat ihn das mal interessiert. Mädchen waren damals schon interessant und von seiner Lehrerin hatte er auch immer geträumt. Aber ohne Moped war ja nichts zu machen. Und später, als die Kumpels alle irgendwie verbandelt waren, hatte er Nutten in Anspruch genommen. Bis er sich ausrechnete, dass das ganz schön teuer käme. Und dann die Geschichte mit Bernhard, der erste, der eine geschiedene Ehe hatte. Sie hatten mal durchgerechnet, was der pro Nummer gezahlt, wenn er zwanzig Jahre Unterhalt zahlen sollte. Beim heutigen Zinzsatz! Wenn dann noch Kinder dazukämen, dann müsste denen das Studium noch finanziert werden. Nein, da war es mit ihm doch um einiges besser. Keine Zwang zur Karriere, alle Freiheiten. Und wenn jemand prahlt, dass er es besser hat oder besser kann, soll er doch. Er setzte sich seine eigenen Maßstäbe. Man muß sich nur zu beschäftigen wissen und das fiel ihm ja gar nicht schwer.