Freitag, 30. Januar 2015

Wie schön ein Mann zu sein

Wie immer, wenn er seine Klienten in der Südstadt besuchte, ging er auch an jenem Tag zur Mittagspause in die Cafeteria des Krankenhauses. Es war einfach die Adresse mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis. Mit seinem Tablett schaute er sich kurz um, ob er nicht ein bekanntes Gesicht entdeckten konnte, bevor er dann doch einen Tisch mit Blick zum Eingangsbereich der Klinikpforte ansteuerte. Auf dem Weg fiel ihm dann aber doch ein Gesicht auf, das er zunächst nicht richtig zuordnen konnte. Sie sah aus wie, aber das konnte ja gar nicht sein, oder doch? "Hilda?" fragte er sie dann doch. Die eher unscheinbare Frau schaute verblüfft auf, legte ihre Stirn in Falten und antwortete dann mit: "Das gibt es nicht, Olaf?"
Grinsend stellte er sein Tablett zu ihr auf dem Tisch und die beiden beschworen ihr unverhofftes Wiedersehen nach so langer Zeit. Sie wohnte vorübergehend wieder in ihrem Elternhaus und war wegen einer "Frauensache" ambulant in der Klinik. 
"Dann übernachtest Du ja nicht hier und kannst raus?" fragte er zum Abschied. Sie nickte und er schlug vor: "Zäpfle beim Zipfel, so wie früher?"
"Sag bloß, das Limba gibt es immer noch?" lachte sie.
"Klar doch, so um neun?" fragte er. Sie nickte.


An einem Wochentag war im Limba nie etwas los. Am Wochenende kamen hier zunächst Schüler, Lehrlinge und Studenten hin, danach, so um Mitternacht, dann noch die ewig Jugendlichen, so wie er auch einer war. Unter der Woche war es mehr die Kneipe für die, die an anderen Orten sich nicht aufgehoben fühlten. Kleinkriminelle, Drogendealer und noch nicht so bekannte Kleinkünstler waren manchmal dabei. Und natürlich die, die in alten Erinnerungen schwelgen wollten. 
Als Olaf gegen neun hereinkam, war der Tresen verwaist. Er bestellte sich ein lokales Bier, ein Zäpfle und kündigte beim Wirt schon mal an: "Kannste dich noch an Hilda erinnern?" Der Wirt deutete nur auf den Tisch ganz hinten und quittierte das Nicken von Olaf mit einem "Nich möglich". Nach ein paar Schlucken schlüpfte die eben Erwähnte zur Tür herein und es war als wäre die Zeit stehengeblieben. In dem schummerigen Licht war sie wieder aus wie das alte, unkomplizierte Mädchen mit lässiger Frisur und abgewetzten Jeans. "Hilda, ganz wie damals" begrüsste er sie und zum Wirt meinte er "unverändert, was habe ich gesagt".
Sie entgegnete zu seinem Outfit: "Aber Du bist wohl unter die Juppies gegangen. Edle Jacke und erst einmal die Sneakers". Er sei immerhin Sozialarbeiter und da müsse er gepflegt herumlaufen erklärte er. Das fasste er als Einstieg auf, zu erzählen, wie er, nach ausgiebigen Studium der Sozialpädagogik in Berlin, wieder in der Heimat gelandet sei und dass sich dort nichts wirklich verändert hätte. Aber diese Verlässlichkeit! Wie gut er sie doch fand. Ein Blick verriet ihm, dass er wohl eher sie zum erzählen bringen sollte. "Du hast dich nach Indien abgesetzt?" fragte er.
"Na, was man nicht alles erzählt" erwiderte sie, um dann anzufangen mit ihrer Erzählung. Wie sie nach dem Wirtschaftsstudium zunächst wusste wohin und ihr dann ein Onkel den Kontakt zur deutsch-indischen Handelskammer nach Pune vermittelt hatte. "Da war doch damals der Backwahn aktiv" war sein sinniger Kommentar. "Das war Bhagwan, du Duppel" verbesserte sie ihn, um dann von dem Meditationszentrum zu erzählen. Dadurch konnte sie die Tage dort immer so zwischen Indien und Europa verbringen. Mal in der indischen Welt, sogar mit Hauspersonal! und dann aber auch zwischen gleichgesinnten, modernen Sinnsuchern. Er fand das mit dem Hauspersonal interessant und sie bejahte, so wie er nun schick am Abend ausgehen muss, musste sie in ihrer Wohnung eine Putzfrau in der Kammer haben. Sonst hätte sie dort keiner ernst genommen. "Und. Stell Dir vor! Die konnte ich nicht dazu bringen, mit mir an einem Tisch zu essen. Ich dachte, ich könnte sie besser behandeln und das wie eine Wohngemeinschaft machen. Sie kocht und isst mit mir wie eine Freundin am Tisch. Ging nicht! Sie hat ihren Teller genommen und sich vor mir auf den Boden gesetzt!" erzählte sie. 

Nachdenklich nahm er einen Schluck, wusste gar nicht so richtig, was er sagen sollte und sein "Und nun auch wieder in der Heimat, hast es doch nicht ausgehalten" bekam eine unerwartete Wirkung. Anstatt, dass sie zustimmend von der Heimat schwärmte, nickte sie nur stumm und leerte ihr Glas. Er legte seine Hand auf ihre "Die Klinik?", sie nickte. "Das bekommen unsere Ärzte schon wieder hin" versuchte er zu trösten.
"Nein, das. eben. nicht!" sagte sie leise und bestellte zwei Schnäpse zur nächsten Runde. Sie kippten diese herunter und dann stellte sie fest, dass sie nie Kinder bekommen würde. Jedenfalls nicht in ihrem Bauch. Bestenfalls mit einer Leihmutter, aber das würde sie nicht machen. Niemals! Was für eine Wendung nahm nur dieses Wiedersehen mit seiner Schulfreundin? fragte er sich. Aufmerksam hörte er von den drei Fehlgeburten in den letzen zwei Jahren und schloss, dass sie anscheinend ihren Prinzen gefunden hat, so richtig zum gemeinsam brüten. Früher war sie nicht so, da wurden Kinder nicht auch noch in diese schreckliche Welt gesetzt. Die Welt war damals schon überbevölkert genug. Und nun? Sieh an. Dann hörte er sie erzählen von ihrer Untersuchung in der Klinik. Sie sei extra hergekommen, damit ihre Freundin ihr helfen könnte. Diese würde hier im Klinikum als Frauenärztin arbeiten. Wie klein die Welt doch sei! Jedenfalls herausgekommen sei, dass ihr Becken eine Schwangerschaft ja nie mitmachen würde. Da sei alles verknöchert und ihr Körper würde das merken und deswegen ein Kind immer abstossen. Er fragte sich was alles schon in ihrem Becken war, aber zum Glück verkniff er sich einen Kommentar.

Stattdessen erkundigte er sich: "Dein Mann muss ja ein ganz Besonderer sein. Wie habt ihr euch eigentlich getroffen?" Sie lächelte, ja der sei ein ganz Lieber. Und er lauschte der Geschichte von einem Erben, der vor Überschreibung des Hofs nach Indien ging, um sich zu erforschen. Im Meditationszentrum waren sie sich begegnet und, erst ein wenig, dann immer mehr hätten sie für einander gebrannt. "Du als Bäuerin?" wandte er ein. Das war dann das Schlussthema, sie erzählte von ihrem Hof in Niedersachsen, wie sie von der Schweinefarm zur extensiven Landwirtschaft umgebaut hatten. Als Wirtschaftlerin konnte sie sich dort richtig beweisen. Er hörte ihr beeindruckt zu.

Am nächsten Morgen rasierte er sich wieder. Sein Kinnbärtchen kämmte er nach links, dann schabte er die Stoppeln auf der rechten Seite ab. Danach kam die linke Seite dran. Am Ende betrachtete er den weißen, haarigen Strich in der Mitte seiner Kinns. Die Haare waren noch nicht zu lang, um sie zu stutzen. Er lächelte freundlich sein Spiegelbild an, das würde die Falten vertreiben. In Erinnerung an den Abend vorher, freute er sich, dass er als Mann ja immer noch ein Kind in die Welt setzen könnte. Bestimmt! Und so wie er aussieht, würde er bestimmt etwas junges finden, das seinen Stammhalter auch austrägt. Natürlich nur, wenn er denn danach suchen würde.