Freitag, 16. Januar 2015

Dinner

Er würde den Auftrag erfolgreich zu Ende führen. Er muß ja Erfolg haben und deswegen könnte er am Morgen schon einmal die Feier am Abend planen. Ein Arsch, ein richtiger sexy Arsch wäre das Beste! Auf seinem Spaziergang musterte er die diversen Hinterteile, die vor und neben ihm liefen. Kleine Jungs hätten ja die knackigsten, aber das würde vielleicht in Kambodscha funktionieren. Warum muss er auch wieder in Europa arbeiten? Dann sah er ihn. Bedeckt von einem kurzen, rot gepunkteten Minikleid, auf zwei nicht allzu langen, dafür aber schwarz bestiefelten Beinen. Sein Schritt wurde ein wenig schneller und an der Ampel drehte er sich zu seiner Besitzerin um.


Sie merkte wie sie gemustert wurde und schaute diesen alten, aber dann doch jugendlichen Mann an. Wie frech ist der denn? Seine Augen, nein sein ganzes Gesicht schaute in ihre Augen, an ihren Hals, in ihren Ausschnitt. Dann zogen sich seine Augenbrauen nach oben, rissen die Augen auf und legten die Stirn in Falten. "Wie schön, dass ich Sie treffe. Damit habe ich gar nicht gerechnet", hörte sie ihn sagen.
"Kennen wir uns?", fragte sie spöttisch. Sie legte die rechte Hand auf ihre Seite und zog ihren rechten Fuß ein wenig zurück.
"Entschuldigen Sie, was müssen Sie von mir denken." Er legte seine Hand auf sein Herz, lächelte sie an und fuhr fort. "Heute Abend möchte ich den Erfolg eines Auftrags feiern und Sie wären die ideale Begleitung für ein gediegenes Menü. Was halten Sie davon?" bot er an.
"Sehe ich so aus, als würde ich mich von wildfremden Männern einladen lassen?" entgegnete sie lachend. Aber sie wollte schon noch hören was kommt.
"Ganz ungefährlich und harmlos, im Meridien am Hauptbahnhof. Was soll Ihnen dort passieren, was Sie nicht wollen. Ich müsste dort um 20 Uhr alleine essen und, wenn Sie Zeit und Lust haben, leisten Sie mir Gesellschaft. Kommen Sie einfach vorbei und setzen sich an meinen Tisch" schlug er vor. Dabei legte er wieder seine Stirn in Falten. Dass dieser eher jugendliche Körper solch ein faltiges Gesicht haben konnte, verwunderte sie. Der ist bestimmt zwanzig Jahre älter. Aber das Angebot war ja gar nicht so schlecht. 
"Na vielleicht" hörte sie sich sagen.
"Das geht nicht", stellte er fest. "Ich möchte schon wissen, ob ich ein Buch mit zum Dinner nehmen sollte", fügte er an.
"Sie sind einer, hmm", dabei schaute sie in seine Augen und, ja, warum eigentlich nicht? Für den Abend hatte sie sowieso nichts vor. Und mal wieder so richtig gut essen. "Ok, ich komm wahrscheinlich, wenn nicht die Welt untergeht", meinte sie dann. 
"Prima, Sie glauben gar nicht wie sehr mich das freut", sagte er, nahm ihre Hand und führte diese an seine Lippen. Ein Handkuss! Sie hatte noch nie einen Handkuss bekommen. Dann verabschiedete er sich, in dem er ihr zulächelte und mit der rechten Hand kurz winkte.

Der Grund seines Besuchs saß schon an seinem Platz. Wie bestellt, saß dieser Büromensch auf der Terrasse des Strassencafes, las in einer Zeitung und nippte hin und wieder an seiner Kaffeetasse. Wie vorhersehbar doch die Leute sind! Er wollte sich schon bereit machen, da sah er das gleiche gepunktete Kleid auf die Terrasse treten, das ihm am Morgen schon aufgefallen war. Konnte das sein? Ein Blick durch den Sucher bestätigte seinen Verdacht. Es war die Frau, mit der er sich zum Abendessen verabredet hatte. Na, das kann ja noch interessant werden, dachte er sich. Da wird sie ja was zu erzählen haben, wenn sie überhaupt zum Dinner kommt. Seine Einladung ging zu dem Büromenschen, dieser stand auf und die beiden begrüssten sich mit Küsschen links und rechts. Dann nahmen sie beide am Tisch Platz. Hoffentlich kommt nun keine Knutscherei! Aber die beiden unterhielten sich nur. Der Büromensch zelebrierte seinen Kaffee. Mit beiden Händen führte er die Tasse zum Mund, nahm einen Schluck, setzte die Tasse ab und schloss die Augen kurz. Seine neue Gesellschaft änderte an diesem Ablauf nichts. Als gerade der nächste Schluck an der Reihe war, spannte sich die rechte Seite des Beobachters an und presste das Arbeitsgerät an die Schulter. Langsam atmete er durch die Nase aus, wartete auf das Absetzen der Tasse und drückte dann sanft ab. Durch den Schalldämpfer war nur ein leises "tack" zu hören. Er beobachtete, wie der Kopf des Büromenschen nach hinten kippte und die Tasse über den Anzug. Zufrieden nickte er, dann packte er sein Arbeitsgerät auseinander. Auf der Fensterbrüstung arrangierte er das verabredete Zeichen: eine Tarotkarte, darauf die Patronenhülse. So würden die Soko wissen, wer den Auftrag gegeben und welches Gewehr ihn ausgeführt hatte. Bevor er seinen Arbeitsplatz verließ, schaute er noch einmal, ob nichts vergessen wurde.

Um fünf Minuten nach acht ging er in das Restaurant vom Meridien. Ob sie kommen würde? Vermutlich ja nicht, aber wer weiß das schon. Zunächst bestellte er einen Aperitif, zehn Minuten wollte er schon noch warten. Das war er ihr einfach schuldig. Und, tatsächlich! Kaum hatte er seinen Kir Royal leer, kam die Kleine zur Tür herein. Anstatt des Minikleids hatte sie ihr Hinterteil in eine schlichte Jeans gepresst. Er erhob sich, ging ihr ein paar Schritte entgegen und begrüsste sie mit Bussi links und rechts. Nichts deutete auf ihr Erlebnis am Nachmittag hin. Sollte er sich etwa vertan haben? Aber Nachfragen ging gar nicht. Also bestellte er für den Anfang zwei Kir Royals und die beiden plauderten über die Speisekarte, die Stadt und das Wetter. Als seine Begleitung ihr Getränk zur Hälfte getrunken hat, und eigentlich Bestellen angesagt war, sagte sie: "Können wir nicht einfach direkt auf Dein Zimmer gehen, mir ist heute nicht so nach essen." Verblüfft schaute er von der Karte auf und wollte einwenden "Aber ...". Da legte sie ihre Hand auf seine und schaute ihn mit fasst wässrigen Augen an. Seine sexuellen Fertigkeiten sollten sie also auf andere Gedanken bringen! Ein breites Grinsen legte sein Gesicht in Falten.

Er führte sie auf sein Zimmer und sie ließ alles mit sich geschehen, was immer ihm auch einfiel. Sein Ehrgeiz gebot ihm, ihr mindestens einen Höhepunkt zu verschaffen. Damit ließ sie sich einige Zeit und kam dann auch nicht etwa mit einem erfreuten Jauchzen sondern eher mit einer Mischung aus Weinen, Lachen und Grunzen. Nachdem er zum Abschluss gekommen war, rollte sie sich in seinen Arm und schlief ein. In einer viertel Stunde wollte er sie herauswerfen. Es war ja alles getan. 

Zu seiner grössten Verblüffung erwachte er am nächsten Morgen mit einem immer noch schlafenden Mädchen in seinem Arm und einen bis dahin noch nie gespürten, wohligen Gefühl in der Brust.