Freitag, 23. Januar 2015

Der kleine Alfons

"Hallo Liebes, wir kommen doch wohl später zum Bahnhof. So klappt das nicht mit dem Zug. AberdDer Papa meint mit einem Mietwagen schaffst Du es noch. Er würde ..." sprach die ältere Dame ihr Handy.
"Ihr wart das nicht auf dem Bahnsteig, eben? Alfons ist euch doch entgegen gegangen? Ich habe seine Tasche abgestellt und euch noch zugewunken. Mein Gott, das darf doch nicht wahr sein", hörte sie, bevor sie sagte: "Aber deswegen haben wir doch vorhin angerufen. Du solltest doch noch warten und nun wollte ich Dir sagen, dass wir noch ... Bist Du noch dran? Iyonne?" Sie schaute ihren gleichaltrigen Begleiter erstaunt an: "Sie hat aufgelegt."
"Sie kommt schon noch rechtzeitig zum Vorstellungstermin. Ich schaffe das schon, muss nur tüchtig Gas geben. Du hast ihr das nur nicht richtig erklärt." meinte er.
"Ganz anders: Sie ist unterwegs, aber der Kleine ist auf dem Bahnsteig, weil er uns verwechselt hat. Sie dachte auch wir wären das." sie sah ihn an und fuhr fort: "Das kann aber doch gar nicht. Was machen wir denn nun?" 


Nur kurz schauten sich die beiden schweigsam an. Die Backen ihres Mannes färbten sich rötlich, sein Mund öffnete sich und langsam strömt Luft in seinen Brustkorb. "Ich habe Dir doch gesagt, dass wir hätten früher fahren müssen, aber Du musst immer auf die letzte Minute. "
Seine Frau lächelte ihn an und sagte sanft: "Hast ja recht. Wer hätte damit auch rechnen können. Wir hatten 10 Minuten Luft und das hätte doch reichen müssen. Was machen wir mit Alfons? Der ist nun ganz alleine am Bahnsteig. Der arme"
Ihr Mann zuckte nur mit den Schultern: "Ach, der geht doch schon in die erste Klasse. Da wird schon nichts passieren. Wenn wir nur eher gefahren wären. Warum muss ich Dir auch immer nachgeben?"
Die Frau lacht, "So bist Du halt immer noch",  dann sagt sie aber nachdenklich: "Aber heutzutage. Vielleicht doch besser Hilfe rufen. Ob 110 auch mit dem Handy funktioniert?" Sie wählte den Notruf und tatsächlich bekam sie jemanden an den Apparat. Sie sagte "Agnes Müller, ich bin hier in der U-Bahnstation 'Stadthalle'", danach "Nein, hier ist alles ok, aber unser Enkel ist ganz alleine im Bahnhof". Sie erzählte die Geschichte mit der verpatzten Enkelübergabe. Dann kam: "Den Bahnsteig weiß ich nicht, unsere Ivonne, die Mutter, wollte nach Frankfurt sich bei einer Bank vorstellen." und später auch "Nein, seine Grösse kenne ich nicht, in Alter wachsen die doch immer" Ihr wurde etwas erklärt, dann legte sie auf und erklärte ihrem Mann, dass die Notrufstelle die Aufsicht am Bahnhof verständigt und die würden dann bestimmt sich um den Enkel kümmern.  Er nimmt ihre Hand.

Nachdem Ivonne begriffen hatte, was mit ihrem Alfons passiert ist, schluchzte sie zunächst. Dann wählte sie auf ihrem Smartphone eine Nummer, hielt es sich ans Ohr, wartete eine Weile, nahm es vom Ohr, schaute es entsetzt an  und flüsterte dann: "Kein Netz". Sie schaute auf und bemerkte ihr gegenüber einen interessiert schauenden Mann. Sie fragte ihn: "Was soll ich nun machen? Mein Kleiner ist ganz alleine auf dem Bahnsteig. Eigentlich sollten meine Eltern ihn nehmen. Er ist ihnen entgegen gelaufen. Ich dachte es wäre alles in Ordnung und habe seine Tasche auf den Bahnsteig gestellt. Aber er hat sie wohl verwechselt und ich wollte nur den Zug bekommen." Sie holte Luft und fuhr traurig fort: "Wie konnte das nur? Was bin ich nur?" Sie lächelte kurz und schloss dann mit: "Und nun habe ich kein Netz für den Notruf."
"Der Schaffner!" schlug ihr Gegenüber vor. Ivonne sprang auf und wollte losrennen, da merkte der Mann an: "Halt, Sie wissen doch gar nicht in welche Richtung Sie laufen müssen! Warten wir doch lieber, bis er kommt. Ich schaue nach hinten und Sie nach vorne. In ein paar Minuten müssten wir ihn sehen".
Ivonne setzte sich wieder hin und schaute aufmerksam den Gang entlang. Da bemerkte sie, wie der Mann die Hände über seinen Kopf zusammen klatschte, die gefalteten Hände vor seine Brust zog und etwas murmelte. "Was machen Sie da?" fragte sie.
"Ich beschwöre sicherheitshalber die grüne Tara, die hilft in solchen Fällen am schnellsten" erklärte er.
Mit großen, fragenden Augen sah sie ihn an. 
"Als Buddhist kann ich doch kein Ave Maria beten, oder?" erklärte er, bevor er anmerkte: "Da hinten ist der Schaffner, auf"
Ivonne lief den Gang hinunter.

Die Frau, die Alfons' Oma in Bezug auf Frisur und Größe recht ähnlich sah, schaute verdutzt dem abfahrenden Zug hinterher. "Mist" rief sie ihrem Gatten zu, "wir sind zu spät."
"Hätten wir doch nur die Laugenbrezeln nicht gekauft! Aber Du musstest ja unbedingt deiner Tochter frische Brezeln mitnehmen, " fasste dieser seine Emotionen zusammen und fuhr nach einem Blick auf die Abfahrten fort: "Zum Glück fährt in zwanzig Minuten der nächste. Dann haben wir am Flughafen nur drei Stunden vor Abflug. Hoffentlich klappt das noch mit der Sicherheitskontrolle und dem Gepäck". 
"Eigentlich müssten zwei Stunden auch gehen. Früher hat auch eine gelangt. Zum Glück regnet es nicht. " Die beiden stellten ihr Gepäck ab und warteten. Nach einer Weile bemerkte die Frau Alfons mit der Tasche und ging zu ihm hin, aber der Kleine wollte keine Gesellschaft und wandte sich ab. Mit dem Fuß stampfte er auf, presste die Lippen zusammen und schaute auf den Boden. Sie lächelte ihn an und ging dann wieder zu ihrem Mann zurück.
"Schau Dir den Kleinen an, wie bockig der ist. Richtig süss. Wo ist nur seine Mutter?" meinte sie zu ihrem Mann. Dieser zuckte nur mit den Schultern und das Paar wartete eine Weile bevor der Mann sagte: "Vielleicht sollten wir auf ihn ein wenig aufpassen, so alleine wie der ist".
Die beiden trugen ihr Gepäck ein wenig in Richtung Alfons.