Freitag, 12. Dezember 2014

Der Pole

"Der Peter könnte beim Haller anfangen", erzählte Herr Blickerlin seiner Frau, als er in seinen Schupfnudeln stocherte. Frau Blickerlin schaute auf und erwiderte nichts. Stattdessen schaute sie ihm andächtig zu, wie er eine Nudel aufspießte, diese dann in der Soße schwenkte, bevor er sie mit dem Kraut in den Mund schob. Dann meinte sie "Das wäre ja was" während er kaute. Nachdem er sorgsam herunter geschluckt hatte, fuhr er fort: "Volker meint, er könnte Maries Freund immer empfehlen. Die Marie würde sich ja nie mit einem Versager einlassen." Wieder wartete seine Frau, bis er sich einen Bissen zurecht gemacht und in den Mund gesteckt hatte, mit ihrem "Ah, ja".  Da nun das wichtigste geredet war, vertilgte das Paar schweigend die Schupfnudeln.



Beim Kaffee nach dem Mittagessen weihte Herr Blickerlin seine Frau in seine weiteren Planungen ein. Mit Blick zur Tasse rührte er nachdenklich den Kaffee um und dozierte dabei: "Für Marie wäre es das Beste, wenn sie ihren Peter mitnimmt. Die beiden könnten doch hier eine Familie gründen. Sie als Lehrerin und er beim Haller im Betrieb. Die ersten Jahre muss sie ja eh hier schaffen. Und so eine Fernbeziehung ist doch nichts. Das würde ja nie halten und dann steht sie wieder da. Das ist doch eh nichts!" Er nahm einen Schluck Kaffee und sah wie seine Frau ihm bestätigend zunickte. "Hoffentlich kommt nur das polnische beim Peter nicht durch. Wenn es doch nur einer von hier wäre, dann wäre mir ja wohler." An dieser Stelle war seine Frau ganz anderer Meinung: "Das schickt sich nicht so etwas heutzutage auch nur zu denken. Das polnische? Die Polen, die ich so kenne sind alle fleißig und brav. Die Moni hat doch auch eine polnische Pflegerin. Wie zuverlässig die ist! Und wie sauber. Da mach Dir keine Sorgen" Sie legte ihre Hand auf seine. Er lächelte ihr zu, trank einen Schluck und fuhr fort: "Hast ja recht. Hat ja immerhin auch in Stuttgart seinen Ingenieur gemacht. Das will schon etwas heißen. Mit Praktikum beim Bosch. Und so etwas suchen die doch auch beim Haller. Und das katholische nimmt er auch nicht so ernst." Seine Frau zog kurz die Augenbrauen hoch. "Ha ja, stell Dir vor wie der hier bei den Pietisten anecken kann, wenn er seinen Glauben ernst nähme. Denen muss man doch immer schön recht geben und vor allem ausreden lassen. Weißt Du noch was wir mit Lenis Freund damals für Probleme hatten?" Da lachte seine Frau. "Dieser feuerschluckende Lebenskünstler ging ja nun auch wirklich nur mal gerade über einen Winter."

An jenem Nachmittag holte er aus dem Gartenhaus seinen Zollstock und begab sich mit einem Block und Bleistift in das Treppenhaus. Zügig ging er die zwei Stockwerke bis in das Dachgeschoss. Er musste lächeln als seine Augen auf das "Kinder" über der Wohnungstür fiel. Sie war nicht verschlossen und er öffnete sie. Links ging es zum Bad und die Armaturen bestanden den Ist-hier-auch-immer-noch-Wassertest. Neben dem Bad war eigentlich eine Küche, aber dort wollte die Marie damals unbedingt auch einziehen. Obwohl es das kleinste Zimmer war. Aber auf keinen Fall unten bei den Eltern bleiben, wenn die Schwestern nach oben ziehen. Er schaute sich Maries Reich nachdenklich an, ihre Wand mit den Bildern. Kurz atmete er aus, dann setzte er sich an den kleinen Schreibtisch unter dem Fenster und zeichnete geschickt einen Skizze von dem Zimmer, mit Position von Tür und Fenster in seinem Block. Mit dem Zollstock vermass er die Längen der Wände und trug diese an den Linien ein. Danach zog er den Schreibtisch nach vorne und vermaß die Eckventile und den Abwasserdeckels in der Wand hinter dem Schreibtisch. Hier würde dann eine Küchenzeile eingebaut werden können. Tief holte er Luft und seufzte bevor er wieder in die Diele ging. Mit dem links liegenden Zimmer fuhr er fort. Dort hatte Leni gewohnt. Die künstlerische Leni! Nachdenklich blätterte er durch ihre Malereien neben der verstaubten Staffelei. Mindestens zwei Bilder würde er unten aufhängen. Aber der Rest? Sie muss die doch einfach nehmen, zum Wegwerfen sind die doch zu schade. Er klopfte die Wand zum Nachbarzimmer ab und suchte hier nach Steckdosen. Junge Paare wollen heutzutage ja eher großzügig wohnen und ja, die Wand kann weg. Jedenfalls zeigt nichts an dieser Seite, dass dort ein Kabel verbaut ist. Ein Vermerk in seinem Block später und er stand im Zimmer von Franzi, seiner ältesten Tochter. Hier standen nur noch die leergeräumten Möbel. Langsam musterte er die Möbel. Nach einer kurzen Pause kniff er die Lippen zusammen und nickte mit dem Kopf. Weitermachen. Von dieser Seite waren in der trennenden Wand auch keine Steckdosen zu sehen. Er trug das ein und atmete dann doch ein paarmal schwer ein und aus. Der Gedanke an seine ausgewanderte Tochter nahm ihm immer ein wenig mit. Vielleicht ist es ja ganz gut, das hier einmal umzuräumen. Von dem Fenster aus schaute er in den großen Obstgarten herunter. Sie hatten immer gemeint, dass dort eine von den Töchtern ja etwas Eigenes bauen könnte. Dass das nun die kleine Marie werden könnte, hätte er nicht gedacht. Er nickte, ja er würde ihnen den Teil schenken. Vor Jahren hatte das Franzi mit ihrem Freund schon einmal geplant. Es war schon vermessen und auch schon im Grundbuchamt eingetragen. Und zwischen den beiden Grundstücken würde dann eine Schaukel für die Enkel gebaut. Und zwar so, dass er von der Terrasse es immer im Blick hatte.

Am Abend rief Marie an: "Hallo Mami. Ich muss Dir ganz dringend etwas erzählen. Weisst Du in dem Pjotr steckt doch irgendwie doch auch ein Schwab. Der will sich selbstständig machen und mit einem Kumpel etwas aufbauen. Vielleicht hab ich ja schon ein wenig abgefärbt. Aber gar nicht hier in Deutschland, sondern in Polen! Dort gibt es anscheinend eine richtige Startup Szene, so wie in Berlin, nur mit polnischen Steuern und Vorschriften. Wir gehen an die Ostsee, nach Danzig. Und stell Dir vor, ich kann sogar am Götheinstitut dort arbeiten. Ich freue mich schon so. Du musst das Papi unbedingt beibringen, bevor der wieder seine Pläne macht."