Freitag, 7. November 2014

Mutti

Sein Hut saß perfekt. Es war nur ein wenig Regen vorhergesagt und kein richtiger, strömender Regen. Wie Vater schon immer gesagt hatte, für einen Schirm muss es richtig schütten. Aber so würde die breite Krempe zum Schutz vollkommen ausreichen. Zur Sicherheit zog er seine Regenjacke an, griff die lederne Aktentasche, verabschiedete sich von seiner Mutti und ging zur Straßenbahn. Dass er sich nun zum letzten Mal so von seiner Mutti verabschiedete, konnte er sich nicht vorstellen.



Die Zeit in der Straßenbahn nutzte er wie immer für die Arbeit. Er legte sich die Tasche auf seinen Schoss und öffnete diese. Solch eine Tasche gab es schon lange nicht mehr zu kaufen. Geerbt hatte er sie von seinem Vater. Das braune Schweinsleder war mit den Jahren ganz weich und faltig geworden. Die beiden Verschlüsse für die Riemen waren aus längst vergessenen Zeiten: Jeder Riemen hatte vorne ein metallene Öse, die in einem Schlitz an dem Verschluss eingehakt wurde. Es gab an jedem Verschluss fünf solcher Schlitze, die je nach Füllung der Tasche verwendet werden konnten. Unten an dem Verschluss befand sich ein glänzender u-förmiger Schieber, mit dem alle Schlitze gleichzeitig geöffnet und verschlossen wurden. Früher nahm der Vater seine Zeitung, das Vesperbrot und die Thermoskanne zur Arbeit mit, da wurden die oberen Schlitze verwendet. Der Sohn nahm später Akten und andere Unterlagen mit. Diese wurden im Lauf der Zeit immer dünner und an diesem Tag waren die Ösen in den unteren Schlitzen, er hatte nur ein dünnes Heft dabei. Er las es während der Fahrt zu Ende. Kaum hatte er es wieder verstaut, fuhr die Bahn in die Haltestelle und er stieg aus.

"Guten Morgen" hörte er an diesem Morgen aus einem gänzlich unerwartetem Mund. Er schaute kurz in die Richtung und, richtig, das Putzmädchen konnte tatsächlich sprechen. Es hatte nicht ihn gegrüsst, sondern jemand anderen, aber es verwirrte ihn ein wenig. Zwar nicht ganz so sehr, wie damals, als er ihr das erste Mal begegnet war. Mit Frauen hatte er es ja nie so, aber diese hatte ihn doch richtig beeindruckt. Es war nicht die Figur oder sonst etwas an ihrem Äußeren, obwohl ihr schlankes Gesicht ihm schon gefiel. Nein, es war ihr schüchternes, zurückhaltendes und dabei doch effizientes Arbeiten. Sie huschte immer regelrecht durch die Räume. Mutti meinte nur er wäre doch zu alt und dann noch etwas ausländisches, was sollte denn so etwas? Und nun. Vorher hatte er sie nie deutsch sprechen hören. Mit ihren Kolleginnen sprach sie immer nur so ausländisch unverständlich. Dass sich ihr deutsch so richtig zart anhörte, hätte er nicht erwartet. Sein Gang wurde deutlich energischer, seine Schritte länger und irgendwie schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht.

Am Vormittag galt es die Vorlage mit dem Kollegen Müller zu besprechen. Was hatte dieser nicht alles für Fehler gemacht.
"Sehen, Sie doch hier und hier ", erklärte er.
"Sie haben die Version von gestern Nachmittag ausgedruckt. Schauen Sie, hier habe ich mich noch gestern Abend an die Arbeit gemacht", zeigte der gescholtenen auf die Anzeige an seinem Tablet.
"Hätten Sie das nicht ausdrucken können?"
"So, können, hhhm, wenn Sie auch ... ", Müller bekam rote Bäckchen.
"Ich möchte das so machen, wie immer. Das hat sich bewährt!", entschieden blickte er dem jüngeren in dessen traurige Augen.
"Aber es würde doch schneller gehen", versuchte dieser zu protestieren.
"Bis zum Freitag schaffen wir das. Wie immer", beruhigte er.
"Ich wollte Freitag frei machen."
"Da ist doch nichts angemeldet. Was für einen Grund haben Sie denn dafür ausgedacht?", zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine Falte.
"Meine Mutter. Sie wird am Vormittag operiert und wenn sie wieder aufwacht, wollen wir Kinder alle da sein", presste Müller hervor.
"Oh, ihre Mutter. Was hat sie denn?" fragte er mitfühlend.
"Herzrhythmus, sie bekommt eine Verödung von Nerven oder so. Am Freitag bei einem Kardiologen in Bonn. Gestern Nachmittag hat mich meine Schwester angerufen. Ich weiß, es würde knapp" platzten die Worte aus Müller heraus.
"Hoffentlich geht alles gut. Aber ... nun wenn das so ist ... erklären Sie mir doch wie das mit dem Ding hier funktioniert. Und. Na ja, irgendwann muss auch ich damit arbeiten. Wenn wir den Freitag heraus arbeiten, dann gehen Sie halt.", er nickte Müller zu und holte diese flache, schwarze Tasche mit dem Dings aus der zweiten Schublade seines Rollcontainers. Es war ein seltsames Täschchen, mit Schlaufe für die Hand und auch einem dünnen Riemen für die Schulter. Innen befand sich das Tablet, dem er sich bisher erfolgreich verweigert hatte. Von oben kam die Anweisung, alle müssten nun auch mobil arbeiten können. Müller schaltete das Tablet ein und erklärte ihm, wie er die Dokumente auf dem Firmenrechner findet. Lesen ging ganz gut, nachdem er sich die Schriftgröße eingestellt hatte. Seine Arbeit bestand dann nur noch daraus Teile zu unterstreichen oder Anmerkungen zu machen. Müller versicherte ihm, das würde auch nach Feierabend zu Hause und sogar in der Straßenbahn funktionieren.

Auf der Rückfahrt hatte er wieder die Aktentasche auf seinem Schoss. Er öffnete sie und holte die Tasche mit dem Tablet heraus. Als er es betrachtete, bemerkte er, wie klein und doch praktisch es war. Seine Augenbrauen hoben sich kurz, dann widmete er sich dem Tablet und seiner Arbeit. Tatsächlich, er hatte die Verbindung zum Rechner, genau wie im Büro. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben und er schaute kurz auf. Dann ging es konzentriert weiter, bis seine innere Uhr das Ende der Fahrzeit anzeigte. Er verstaute die Tasche und das Tablet getrennt in die Aktentasche und stieg schnell aus.

Zu Hause angekommen legte er die Aktentasche auf ihren Platz auf der Kommode. Dann öffnete er sie, holte die Tablettasche und das Tablet heraus und legte beides daneben. Mit zusammengekniffenen Mundwinkel betrachtete er die Teile. Eigentlich bräuchte er Vaters Aktentasche nicht mehr. Was würde Mutti dazu sagen? Sein Blick ging zu ihrem Bild über der Kommode. Er seufzte leise. Irgendwann musste es sein. Langsam nahm er das Schwarz-Weiß-Bild von der jungen Frau ab und verstaute es in der Aktentasche. In der untersten Schublade der Kommode war noch Platz für diese Andenken. Als er sich wieder aufrichtete, betrachtete er den weißen Fleck an der Wand. Ein anderes Bild würde er dort nicht hinhängen! Kopfnickend blickte er sich in der Diele um. Demnächst würde er hier neu streichen! Und das Putzmädchen, nein die junge Putzfrau, würde er grüssen!