Freitag, 31. Oktober 2014

Attacke

"Sie haben keine Kavallerie, dafür aber genug Infanterie" sagte der Urologe nach kurzem Studium seines Spermiogramm. Sichtlich amüsiert über seinen erstaunten Blick erklärte er weiter: "Samen ist nicht gleich Samen, es gibt vier Gruppen, a, b, c und d. Gruppe a sind die schnellen, die Kavallerie. Wenn mehr als 25% in diese Gruppe fallen, ist alle ok. Bei Ihnen allerdings fehlen sozusagen die Pferde. Da ist nichts. Aber die Gruppe b, die Infanterie, ist stark genug. Hier haben Sie 50%. Die lassen sich halt Zeit mit der Befruchtung." Er spürte, wie er rot wurde bei dem Gedanken an die halbe Stunde, die er gebraucht hatte um zwei dicke, weiße Tropfen in das Becherchen zu lassen. Aber der Urologe fuhr ernsthaft fort: "So viele hat es selten. Die anderen Werte sind alle ok. Ja, mit diesen Truppen landen Sie nicht immer einen Volltreffer, aber mit Ausdauer und an den richtigen Tagen, sollte das klappen. Jetzt ist der Gynäkologe dran!". Er nahm den Umschlag mit dem Spermiogramm entgegen, verabschiedete sich, ging zur Tür des Sprechzimmers und drehte sich noch einmal um.



Belustigt wartete der Urologe auf ihn, als er wieder an der Tür kehrtmacht. Gibt es vielleicht noch ein Problemchen beim Wasserlassen? Nachdem er wieder Platz genommen hatte, wurde er freundlich gefragt: "Was haben Sie denn noch?" Er wusste zunächst gar nicht, wie er anfangen sollte. Es war ja nur die fixe Idee seiner Frau, die ein Kind haben wolle, er möchte ja gerne noch ein paar Jahre warten. Und wie könne er verhüten, ohne dass seine Frau das merkt? Damit hatte der Urologe nicht gerechnet: "Nun, beim Mann sind als Verhütung eigentlich nur Kondom und schnipp " mit Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand deutete er eine Schere an "anerkannte Verhütungsmittel." Auf seinen entsetzen Blick, hörte er den Vorschlag "Vorher eine Samenprobe einfrieren und .. " sein Stirnrunzeln führte dann zu dem Vorschlag ". Aber ich kann Ihnen auch die Teilnahme an einer eher experimentellen Samenleiterverstopfung anbieten. Da würde dann nichts geschnitten, sonder verstopft. In einigen Jahren löst sich das auf und sie könnten dann wieder". Interessiert nahm er die Broschüre entgegen und blätterte in ihr herum, während der Urologe weiter ausführte "Sie wären der ideale Patient, weil, wenn es doch schief geht, hätten Sie ja nichts verloren. Sie dürfen ja gar nicht traditionell verhüten. Und ihre monatlichen Spermaproben würden Ihnen ja sogar vergütet werden. Ein richtiger Win, Win. Oder besser win, win, win, ich bin ja auch noch dabei". Er wies darauf hin, dass das ambulant gehen müsse, seine Frau dürfe ja nichts merken und hörte dann: "Wissen Sie heutzutage können selbst Gallensteine ambulant behandelt werden. Es ist ja nur ein kleines Loch in den Hoden und dann per Endoskop in die Samenleiter. Das betäuben wir lokal. Nach einer Stunde sind Sie wieder draussen. Allerdings müssten wir vorher ein wenig Formularkram erledigen. Immerhin ist das ja eine Erprobung. Sollen wir?" Er überlegte kurz, stimmte dann zu und wurde zur Sprechstundenhilfe verwiesen. Vor der endgültigen Verabschiedung wurde ihm dann noch vorgeschlagen: "Am besten wäre es allerdings, wenn Sie ihr Sperma einfrieren würden, weil mit jedem Jahr wird die Qualität schlechter und ihres geht so gerade noch. Überlegen Sie sich es doch". Er schloss die Tür, atmete tief durch, erledigte dann mit der Sprechstundenhilfe allerhand Formularkram und vereinbarte einen Termin zum Ende der Woche.
Anscheinend kamen die fruchtbaren Tage seiner Frau. Jedenfalls nötigte sie ihn zum Geschlechtsverkehr. Allerdings behielt er seine Tropfen bei sich, ganz ohne dies ausdrücklich zu wollen. Dank langjähriger Übung hielt er sich immer zurück bis sie ihren Höhepunkt hatte. Alleine der Gedanke anschließend etwas zu zeugen, für das er keine Zeit hätte, vertrieb die ganze Erregung. Zum Glück konnte er so stöhnen, dass seine Frau es gar nicht bemerkte. Wie freute er sich auf den Eingriff, danach könnte er wieder ohne Bedenken.

Am Tag vor dem Termin fiel ihm in der U-Bahn ein Mann mit einer schicken Schiebermütze auf. Er hatte sich schon immer gefragt, wie ihm selbst solch eine Mütze stünde. Ob ihn das nicht älter machen würde. Und nun war da jemand im gleichen Alter und er sah sportlich damit aus. Neben diesem Mann auf der Bank bemerkte er einen kleinen Jungen, der mit den Schuhen auf dem Sitz kniete. Zu seiner Überraschung empörte ihn dieser Anblick nicht, vielmehr dachte er nur, dass die Schuhe gar nicht dreckig waren und der Junge seinem vermutlichen Vater viel zu erzählen hatte. Die beiden sahen einfach viel zu herzig aus, in zehn Jahren würde er vielleicht auch so dasitzen. Ein paar Stationen später stiegen Vater und Sohn aus, aber da kam dann noch ein anderes Kind hinzu. Hatte er gar nicht bemerkt. Er schaute dem Vater nach, wie an jeder Hand ein Kind hatte. Den Gedanken, dass es für ihn also fünfzehn Jahre wären, bis auch er an jeder Hand ein Kind hätte, nahm er nur kurz zur Kenntnis, aber dann verdrängte er ihn.

Seine Frau glaubte ihm den Stress bei der Arbeit und ließ ihn in der Nacht in Ruhe. Nach einiger Zeit schlief er ein und träumte etwas seltsames. Er war mit ihr auf einer Kreuzfahrt. Dies war wieder sein Lieblingstraum! Nach dem ausgiebigen Abendmahl ging es noch ein wenig zum Tanz im Salon. Wie sie sich drehten und wie schön ihr Gesicht ihn anlächelte. Auf einmal stimmte etwas nicht in dem Traum. Mit jeder Drehung wurde ihr Gesicht älter. An den Augen die Krähenfüsse ausgeprägter, die Falten an den Mundwinkeln länger. Schließlich sah er sich selbst im Spiegel hinter der Bar. Wie groß seine Glatze geworden ist! Er riss die Augen auf und puh, es war ja nur ein Traum. Neben ihm schlief ruhig seine Frau. In einer halben Stunde wäre sowieso aufstehen angesagt. Was wollte ihm dieser Traum sagen? Er bemerkte, dass seine Truppen zu einer Attacke bereit waren und dann, für was Zeit verschwenden. Genau, das war es!
Er drehte seine Frau auf den Rücken, legte ihre Beine auseinander und drang in sie ein. Was folgte hatten die beiden so noch nie empfunden. Bis dahin war ihr Verkehr eher ein gegenseitiges Befriedigen, diesmal ging es um ein gemeinsames und erstaunlich bewusstes Produzieren. Nachdem er seiner Infanterie den Marschbefehl gegeben hatte, meinte er, dass es bestimmt ein Sohn würde. Sie war der Meinung, dass sie es ruhig auf diese Weise öfter probieren sollten.